Ein Tempel für Fräulein Smilla und Peter Hoeg

smillaEs muss einmal raus und hier niedergeschrieben werden: Peter Hoegs 1992 erschienener Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ ist auch in heutigem Licht betrachtet, nach rund 20 Jahren und mehrfachem Lesen, ein Wunder. Selten hat man …… eine so intelligente Krimi-Story in so wunderschöner Sprache gelesen, selten wurde unser Hunger nach guter Literatur und spannender Unterhaltung so kongenial befriedigt. Der „Spiegel“ hatte damals nicht umsonst festgestellt: „Eine aberwitzige Verbindung von Thriller und hoher Literatur“ – einem Urteil, dem nichts hinzuzufügen ist.

Im Folgenden (work in progress, wird laufend erweitert) ein paar wunderbare Szenen und Zitate aus dem Buch.

Die Seitenangaben beziehen sich auf die rororo-Taschenbuchausgabe vom August 1996 (1994)

Die Stadt – EINS
Kapitel 8 (S. 64)

„Dann setze ich mich aufs Sofa. Zuerst kommen die Bilder dieses Tages. Die lasse ich gehen. Danach kommen die Erinnerungen aus der Zeit, als ich klein war, mal leicht depressiv, mal schwach lustig, ich lasse sie den anderen hinterherziehen. Dann kommt die Ruhe. In der lege ich eine Platte auf. Dann sitze ich da und weine. Ich weine nicht über etwas oder jemanden. Mein Leben habe ich mir in gewisser Weise selber eingebrockt, und ich will es gar nicht anders haben. Ich weine, weil es im All etwas so Schönes gibt wie Kremer, wenn er Brahms‘ Violinkonzert spielt.“

Kapitel 10 (S. 88)

„Wenn sie nur einen kurzen Moment lang den Sarg öffnen und mich neben seinem kleinen, kalten Körper liegenlassen würden, in dem jemand eine Nadel gestochen hat, den sie aufgemacht und fotografiert, von dem sie Scheiben abgeschnitten und den sie wieder zugemacht haben – wenn ich nur einmal noch seine Erektion an meinem Schenkel spüren könnte, diese Geste geahnter, endloser Erotik, diesen Flügelschlag von Nachtfaltern an meiner Haut, den dunklen Insekten des Glücks.“

(S. 90)

„Ich werfe die Leber über den Zaun. man hört so viel über den verfeinerten Geruchssinn von Hunden. ich befürchte, dass er die Tabletten riechen könnte. Meine Furcht wird beschämt. Er zieht sich die Leber rein wie ein Staubsauger. Danach warten wir, der Hund und ich. Er wartet auf mehr Leber. Ich warte drauf zu sehen, was die Pharmaindustrie für die schlaflosen Tiere tun kann.“

(S.108) – Ein Klassiker!

„Tut mir leid“, sage ich, „wenn ich den Eindruck mache, daß ich nur ein grobes Mundwerk habe. Ich gebe mir alle Mühe, überhaupt grob zu sein.“ Dann mache ich die Tür zu.

ZWEI

Kapitel 3 (S. 151)

„Es gibt Morgen, an denen man wie durch ein Schlammbad an die Oberfläche steigt. Die Füße fest in einem Sonnenschirmfuß zementiert. Wo man weiß, daß man im Laufe der Nacht seine Seele ausgehaucht hat. Und sich nur noch darüber freuen kann, daß man von selber gestorben ist und sie die entseelten Organe nicht transplantieren können. So sind sechs von sieben Morgen. Heute ist der siebte Tag. Ich wache auf und bin kristallklar. Ich steige aus dem Bett, als hätte ich etwas, wofür sich das Aufstehen lohnt.“

(S. 154)

„Er könnte ein anderer sein. Ich könnte eine andere sein. Wir hätten ein junges Liebespaar sein können. Statt eines stotternden Legasthenikers und eines verbitterten Drachen, die einander halbe Wahrheiten erzählen und sich auf einer zweifelhaften Fährte begleiten.“

(S. 155)

„In der Regel schwimme ich gegen den Strom. Doch an manchen Morgen, so wie heute, habe ich Überschuß genug, um einfach aufzugeben. Jetzt, wo ich neben dem Mechaniker dahintreibe, bin ich sonderbar, unbegreiflich glücklich“.

Kapitel 4 (S. 180/181)

„Die Himbeertorte hat einen Mandelkremboden. Sie schmeckt nach Obst, gebrannten Mandeln und dickem Rahm. Zusammen mit der Umgebung bringt sie für mich die Mittel- und Oberschicht der westlichen Zivilisation auf den Begriff. Die Vereinigung von ausgesucht raffinierten Spitzenleistungen und angestrengtem, sinnlos verschwenderischem Verbrauch.“

 (S. 189)

„Dann küsse ich Ihn. ich weiß nicht, wieviel Zeit vergeht. Doch solange es dauert, sitzt mein ganzer Körper im Mund.“

„Als der Schlaf endlich kommt, meine ich in Siorapaluk zu sein. Wir liegen zu mehreren Kindern auf der Pritsche. Wir haben uns Geschichten erzählt, jetzt sind die anderen eingeschlafen. Nur meine Stimme ist noch übrig. Ich höre sie von außen, höre, wie sie versucht, sich aufrecht zu halten. Doch dann fängt sie an zu schlingern, wankt, geht in die Knie, breitet die Arme aus und läßt sich von einem Netz aus Geschichten auffangen.“

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