Melodie und Rumms: Das neue Album der Reste von Gestern

Veröffentlicht im März – Musik ohne Verfallsdatum.

album-cover-smallDass München eine noch kleine, aber sehr feine Indieband hat, ist hinreichend bekannt. Wir meinen die Reste von gestern. Dass die Jungs ein neues Album draußen und sich selbst übertroffen haben, ist neu. „Als der Frühling kam“ heißt es, ist per CD und via iTunes erhältlich, und bietet Melodien vom Feinsten.Die Reste von gestern krebsen seit einigen Jahren mit wachsendem Erfolg zwischen den üblichen Problemen, die Bands in Deutschland haben, herum: mit Labels, die keinen Bock auf Entwicklungsarbeit haben, Clubs, die meinen, mit dem xten Amischeiß ihre Bühne adäquater gefüllt zu haben, wachsenden Lebensqualitätserwartungen der Bandmitglieder, die keine 20 mehr sind und auch mal lieber hart arbeiten oder ganz was anderes machen als ständig im Übungskeller zu werkeln, mit Konzertveranstaltern, die wegen der paar Kröten das Booking für die Band nicht anfassen wollen. Und mit Musik, für die 20jährigen fast zu alt und für die 40-Jährigen fast zu modern ist.

Ein klassisches Schubladenproblem, was die Positionierung unendlich schwierig macht. Die Fünf haben sich dennoch nicht aufgelöst (was alle anderen Bands, die mit oben genannten Problemen kämpfen, irgendwann machen), sondern präsentieren mit „Als der Frühling kam“ ein Album und zwei Videos quasi als Singleauskopplungen. Die Kasse4 hat die CD ganz genau untersucht. Track by track, wie man es in den alten Tagen der Rezension noch gern machte.

Der letzte Tag. Mit knackigem Bass geht es in die erste Nummer des Albums, leicht geheimnisvoll, das Ganze, bis der Refrain zum ersten Mal den Impuls zum lauthals mitsingen auslöst. Ein gutes Intro, nicht zu stark, nicht zu schwach, viel versprechend.

Perfekt. Ein wenig schwungvoller, ein perfekter Song für die gepflegte Raserei auf der Autobahn, wozu auch der Text passt: „Ich will dahin, wo ich nicht bin“, singt Sänger Marcus und man muss unweigerlich an Element of Crimes „Immer unter Strom“ denken.

„Ich möchte mit Euch tanzen, ich möchte mit Euch feiern, ich geh auf Eure Partys und dann gehe ich heim“,

das klingt außerdem auch ein wenig nach Tocotronics Freiburg („Ich weiß nicht wieso ich Euch so hasse / Fahrradfahrer dieser Stadt / Ich bin alleine und ich weiß es Und ich find es sogar cool“) und fängt schön ein, wie allein man sich unter lauter Menschen fühlen kann.

Ohne Dich. Die Reste von gestern wenden sich der Liebe zu – ein Ohrwurm und Schmachtfetzen sondersgleichen, damit kriegt man jede Erst- bis Drittsemesterin rum und Bayern 3 sicher auch dazu, den Titel zu spielen. Radiopop, Teil 1.

Leise. Einer der ganz großen Kracher auf dem Album, gesungen von Gitarrist Hannes, den wir später noch hören werden auf dem Album. Sicherer Charthit, sicherer Radiostürmer mit wunderbaren Harmonien, gutem Text und Ohrwurmgarantie.  Radiopop, Teil 2.

Als der Frühling kam. Und hier der dritte Part der Radiotriologie: Ein leichter, optimistischer Hit mit ebenso simplem wie eingängigen Dududu–Dududu-Refrain zum mitsingen. Das Video dazu hier.

Sophie. Ein Traum von einem Liebeslied, jetzt ist die Band wieder in ihrer manchmal etwas verschrobenen Gefühlswelt angekommen und holt passend zum Thema und dem Songtitel mit Sabrina Seitz eine weibliche Stimme in den Songs. Textlich stark, traumhaft vom Keyboarder Thomas in Szene gesetzt.

Kein Morgen mehr. Nach einem großen und weiten Intro, das an Neil Youngs „Like A Hurricane“ denken lässt, öffnet der Refrain alle Herzen und wirkt wie ein Segen auf Gläubige. By the way hat die Band zu diesem Song auch ein wunderbares Video veröffentlicht.

Wie bestellt. Wenn überhaupt, dann ist dieser Song der einzige Füller des Albums. Cool getextet, mit Augenzwinkern von Hannes gesungen, passt der Song dennoch wie angegossen zur Band.

Nirgendwo. Zwar nicht der wichtigste Song auf der Scheibe, aber einer der spannendsten und vielleicht auch typischsten, da er zunächst zeigt, dass die Band Melodien hervorzaubert wie kaum eine andere in Deutschland, aber (gerade auch live) kräftig und wuchtig zulangen kann. Der Song hat beides, ist spannend und erzeugt Widerspruch.

Lebenszeitvertrag. Hier tritt die Band kräftig auf die Bremse, der Refrain wirkt einmal mehr, Reste-typisch, wie ein Schluck Bier nach einer langen Wüstenfahrt. Das Solo gniedelt ein wenig vor sich hin, immer weiter auf der Leiter, das reimt sich noch, Straße auf Phase eher weniger. Schwamm drüber und auf zum aufregenden Schluß des Albums.

Ein Lied. Was für ein starker Abschluss – und wie traurig und melancholisch zugleich kommt dieser rüber. Gegen Ende des Songs bilden Gesang, Klavier und Gitarren eine wundervolle Einheit, die überwältigt. Keine schlechte Idee für die letzte Nummer eines Albums, denn wen dieses eine Lied nicht packt, der ist tot. So einfach ist das.

Fazit: Ein erwachsenes Indierockalbum, das vor allem durch exzellentes Songwriting, ein großartiges Händchen für Melodien und eine sehr erwachsene Produktion überzeugt. Ein Majorrelease eines Indieacts, zu gut und zu alt für die Nachwuchsschublade oder das Schaufenster für Indiebands. Wahrscheinlich der heißeste älteste unsigned Act aus München seit langem.

Über www.kasse4.de

Musik, Entertainment, CD-Reviews, Live, Konzerte, Open Airs.
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