Kraftwerk live in München, Tag 1 (Review)

„Es wird immer weitergehn, Musik als Träger von Ideen“ – dieses Zitat aus  dem Kraftwerk-Song „Techno Pop“ passt perfekt auf die erste von insgesamt drei Shows der legendären Musiker in der Alten Kongresshalle von München: Die erste Show am 12. Oktober war aktuell, relevant und dank 3D-Effekten vor allem optisch höchst beeindruckend.Fangen wir mit der Optik an: Bei den 2009-er Shows von Kraftwerk in Wolfsburg war das Aufsetzen der 3D-Brillen erst nach der Hälfte der Show angesagt, gestern in München dagegen von Anfang an – man war also nicht untätig in den KlingKlang-Studios und hat die komplette Produktion auf 3D umgestellt. Das macht Spaß, denn durch den Saal fliegende Vitamin-Kapseln (bei „Vitamine“), Glasscherben („Schaufensterpuppen“) oder Zahlen („Numbers“) geben der Musik im wahrsten Sinne des Wortes eine weitere Dimension und sorgen im saturierten Publikum regelmäßig für „Aaahs“ und „Oohs“. Wie Feuerwerk, nur eben drinnen. Die Qualität der Videos auf der Leinwand ist exzellent, die Liebe zum Detail wirklich bis zum letzten Winkel sichtbar und manifestiert sich beispielsweise in Lichtflexen auf der Radkappe des Autos, mit dem die Zuschauer während „Autobahn“ über die, richtig, Autobahn fahren. Das muss man nicht machen als Videokünstler, kann man aber, wenn es Teil des Konzepts und es eigenen Qualitätsanspruchs ist.

Die Songauswahl überrascht, die Show beginnt nicht, wie in Wolfsburg, mit der „Mensch-Maschine“, sondern mit den „Robotern“, die aber zuhause oder vermutlich in der parallel im Lenbachhaus ab 15. Oktober stattfindenden Kraftwerk-Ausstellung geblieben waren. Sprich: Die vier Kraftwerker ließen sich bei dem Song nicht von ihren Robotern vertreten. „Spacelab“ vom 1978er Album „Die Mensch-Maschine“ überrascht ebenfalls, das Album war damit mit Ausnahme von „Metropolis“ in München komplett live zu hören. Schön auch, „Autobahn“ in der 148 BPM-Version zu hören, „Neonlicht“ setzt gemeinsam mit „Spacelab“ den melodiösen Gegenpart zu einer sehr lauten und krachenden Show. Kraftwerk wollten es sozusagen wissen und so ist die lieblos runtergerissene Version von „Das Modell“ auch der einzige Tiefpunkt der Show – den Song uptempo runterzunudeln und ihm seine Eleganz zu nehmen, ist dumm, man hätte ihn ja auch gar nicht spielen können. Abgesehen vom stinklangweiligen „Planet der Visionen“, aber daran war nicht die Tagesform schuld, der Song gibt einfach so und so nichts her.

Ansonsten waren es einmal mehr zum einen die Geheimisse rund um die Mitglieder von Kraftwerk und die makellose Eleganz und Zeitlosigkeit ihrer Musik, die live beeindruckten und das Publikum zum Ausrasten brachten – was angesichts des Alterdurchschnitts vor der Bühne von rund 40 Jahren eine Leistung ist. Fragen, die einem unweigerlich durch den Kopf schießen, sind beispielsweise, wer aktuell den Ton abgibt in der Band: Sicherlich zwar Ralf Hütter, der ganz links steht, wenn man auf die Bühne schaut und der mitwippt und ab und zu auch mal lacht. Aber warum sieht Henning Schmitz neben ihm so grimmig und abweisend drein und macht optisch einen auf Manfred Schütz (gottbewahre!)? Warum wirkt, neben ihm, Fritz Hilpert mit Lesebrille wie der freundliche Stadtarchivar aus der Provinz, ganz in sich versunken? Warum lächelt Video-Operator Stefan Pfaffe fast zwei Stunden lang vor sich hin? Was tickt in der Band und wie tickt sie? Wir werden es nie erfahren und weiter an Details rätseln (Schmitz hat einen Kopfhörer am Pult, als einziger, den er aber nie nutzt) und das ist vermutlich auch gewollt so.

Noch eine ungeklärte Frage gefällig? Wie kann man visionär sein, vor Jahrzehnten Songs wie „Radioaktivität“ zu texten oder, in „Computerwelt“, …

Interpol und Deutsche Bank,
FBI und Scotland Yard,

Flensburg und das BKA
haben unsere Daten da …

…? Die Kasse4 verbeugt sich tief vor den vier Herren, den Ideen und und der Ausführung. Ihr seid einzigartig und werdet es auch in 100 Jahren noch sein. c: Martin Schrüfer für http://www.kasse4.de

KRAFTWERK, München – 13.10., Alte Kongresshalle

Die Roboter
Electric Café
Numbers / Computerworld
Planet der Visionen
Heimcomputer
Die Mensch-Maschine
Tour de France / Tour de France 2003
Vitamin
Autobahn / Autobahn (148 BPM Version)
Das Modell
Neonlicht
Schaufensterpuppen
Radioactivity
Trans Europa Express / Metall auf Metall / Abzug
Spacelab
Elektro Kardiogramm
Aéro Dynamik
Boing Boom Tschak / Techno Pop
Musique Non Stop

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Musik, Entertainment, CD-Reviews, Live, Konzerte, Open Airs.
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5 Antworten zu Kraftwerk live in München, Tag 1 (Review)

  1. Andi schreibt:

    Die Idee mit den 3D-Effekten fand ich Klasse. Mann sollte es natürlich nicht übertreiben, was wie ich finde aber nicht der Fall war, um nicht vom wesentlichen, der Musik abzulenken. Und die war wie immer super. Tolles Konzert.

  2. interfries schreibt:

    „Noch eine ungeklärte Frage gefällig? Wie kann man visionär sein, vor Jahrzehnten Songs wie „Radioaktivität“
    Der Text wurde irgendwann nach ein uns bekannten Atomkatastrophe verändert, die Originalversion (ich besitze die LP) geht noch etwas freundlicher um mit dem Thema…“Radiaktivität für dich und mich im All entsteht“.

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