Liebe Frau Holofernes,

… mit Amüsement haben wir an der Kasse4 Ihre herbe Reaktion auf das Ansinnen der „BILD“-Zeitung, mit ihnen Werbung zu machen – eine Ehre, die normalerweise nur wichtigen oder bedeutsamen Personen zuteil wird – zur Kenntnis genommen und Ihnen ehrlich gesagt nicht soviel Gerissenheit beziehungsweise Geld-Geilheit zugetraut. Denn, sagen wir mal so, Ihre Zeit als Kurzzeitphänomen in den deutschen Charts ist ja schon seit längerem abgelaufen, Wiederaufflammen im September 2010 hin oder her. Unseren Recherchen zufolge haben sich Ihre letzten Single-Auskopplungen auf Platz 90, gar nicht in den Top 100, Platz 36, 69, 62, 34, 41, 42 und 28 platziert. Alles nicht so richtig dolle, also. Ach quatsch, da war ja noch „Gekommen um zu bleiben“ auf Platz 24. Richtig. Sechs Jahre ist das schon her? Hui, wie die Zeit doch vergeht vor lauter … Ja was? Egal, das ist Ihre und glücklicherweise nicht unsere Sache.

Jetzt sitzen Sie da also in Berlin, heften GEMA-Abrechnungen ab und nippen an welchen Getränken auch immer, Ihnen ist langweilig. Aufmerksamkeit wäre cool, aber wie? Ach, da ist ja noch das Anschreiben der Werbeagentur, Testomonial für die BILD, was, nur 10.000 Euro Gage und die gehen auch noch an eine soziale Einrichtung? Wasn das fürn Scheiß? Und der Spiegel bringt wirklich am kommenden Montag eine Titelstory über die böse BILD? Das passt doch wunderbar zusammen, let’s make Krawall. Und losgebrüllt, wäre doch gelacht, wenn damit keine Schlagzeilen erobert würden.

Nackt auf dem Titel des Playboys wäre die andere Idee. Wäre. Theoretisch, nicht ästhetisch, aber theoretisch. Also lieber die böse „BILD“ fertigmachen und damit die Erstsemesterinnen einfangen, denen irgendwie immer noch was an Ihnen liegt und die noch an den Osterhasen glauben und „Denkmal“ brüllen?

Die Bildzeitung ist ein gefährliches politisches Instrument — nicht nur ein stark vergrößerndes Fernrohr in den Abgrund, sondern ein bösartiges Wesen, das Deutschland nicht beschreibt, sondern macht. Mit einer Agenda.

… schreiben Sie und ja, sie haben ja so recht. Die „BILD“ wird nämlich gleich neben der Area 51 produziert und Hitler lebt noch in Südamerika, wo er ab und an mit Fox Mulder Schafkopf spielt, wenn er nicht gerade an „Meine Agenda“ schreibt und seine „Dementoren“ auf die Reise schickt. Aber: Deutschland wird in Wirklichkeit so wenig von einem bösartigen Wesen „gemacht“ als Ihre Band je wieder musikalische Relevanz entwickeln wird, dazu muss man kein allzu besonders scharfes Fernrohr in den Abgrund halten, um das zu wissen. Was aber auch total Ihre Sache ist, wirklich, es geht auch ohne 40 weitere Alben Ihrer Band, no need to worry!

Andererseits ist es natürlich einfacher, an ein bösartiges Wesen zu glauben, das Deutschland macht, als zu akzeptieren, dass es Menschen außerhalb des eigenen Kosmos gibt, die vielleicht eine andere politische Meinung haben, anders und vielleicht auch einfacher denken und mit der Lektüre der „Bild“-Zeitung ihr Informationsbedürftnis befriedigen. Dass sie diese Menschen als Abgrund bezeichnen, nun ja, das ist Ihre Sache. Nicht unsere.

Also: Ihre Homepage bricht unter dem Rekordansturm von Menschen, die wissen wollen, was sie da so Tolles zu Protokoll gegeben haben, zusammen und mit ein wenig Glück hört der eine oder andere auch in Ihre Lieder rein bei der Gelegenheit. Mission erfüllt, Provokation gelungen, Punkt für Sie, drei CDs mehr verkauft und der Altersarmut ein kleines Stück weiter entkommen. Und die „BILD“ freut sich über eine Portion Extra-Aufmerksamkeit. Uups, das wollten Sie alles nicht? Dann hätte als Antwort auch: „Liebe Werbeagentur, thanks but no thanks, hängt noch ne 0 dran und wir reden weiter“ gereicht und gut wäre es gewesen.

In diesem Sinne alles Gute für die musikalische Zukunft, Ihre

Kasse4

P.S.: Auch eine gute Antwort auf Ihren Diss finden Sie hier.
P.S.S.: Warum denn nicht gleich so? In Ihrem Interview mit „Jetzt“ sprechen Sie doch aus, was Sache ist: „Und im Übrigen ist diese Summe im Vergleich zu dem, was in der Werbung sonst gezahlt wird, ein Hohn.“. Respekt, das ehrt Sie, wenngleich es spät kommt, hier den Guttenberg zu machen. Nur differenzieren, nein, das hätten Sie nie nicht gekonnt. Arroganz differenziert per se nicht.

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