„Im Angesicht des Verbrechens“: Exzess all Areas (TV-Kritik)

Die deutsche TV-Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ ist mit soviel Vorab-Lob wie kaum eine andere gestartet. Grund genug für die Kasse4, den Kassierer-Stuhl zu verlassen und im Pausenraum den Fernseher einzuschalten. Haben die Lobhudler recht?Anmerkung: Die nachfolgenden Eindrücke beziehen sich auf die ersten beiden Folgen, „Berlin ist das Paradies“ und „Wo wir sind, ist vorne“.

Zunächst einmal: Das, was man sieht, läßt sich gut an und ist durchaus spannend. Aber es ist verdammt dick aufgetragen, unnötig dick. Mit dem Sujet „Russenmafia“ kann man ja eigentlich so und so nichts falsch machen, die Blicke auf die Familienfeste, Exzesse und das Daily-Life der Verbrecher sind an sich bereits faszinierend und fremdartig genug, um den abendlichen kleinen Schauer der Erregung auf der heimischen Couch zu erzielen. Hui, das sind aber finstere Gesellen. Hui, wie gemein gehen die mit den armen Dingern um, die sie da wie ein Stück Fleisch zur Prostitution anbieten und so weiter und so fort.

Doch dass Regisseur Dominik Graf in den ersten beiden Folgen so dick auftragen läßt, ist kein gutes Zeichen. Er überzeichnet und ist noch nicht klar, ob das zielführend sein am Ende oder sich abnützen wird. Russen scheinen ja nach dem Genuß der ersten beiden Folgen ständig zu feiern wie die Tiere, ständig Wodka in sich reinschütten, ständig wird in russischen Lokalen gesungen, ständig schwankt man zwischen Verachtung und Melancholie. Es wird nicht nur getanzt, nein, die Szene in dem Club mit dem rammsteinartigen Song und den Bildern von der Tanzfläche ist sozusagen Exzess-Exzess. Und so geht es weiter: Der verhaftete Dealer haut sich die Fresse an einer Glasscheibe spektakulär ein, in der zweiten Folge bricht ein Super-Bösewicht dem Kommissar spektakulär die Nase, bevor er spektakulär flieht, auch der Drogen-Sex-Exzess des Spediteurs Lenz im ersten Teil ist natürlich nicht einfach dekadent, sondern dekadent im Quadrat. Mit Kavier, Krimsekt, Kokain und vier nackten Weibern. Das Endziel war wohl, einer Szene in der Verfilmung von Hunter Thompsons „Fear And Loathing In Las Vegas“ die Ehre zu erweisen. Denn da sieht es im Hotel ähnlich aus wie nach Spediteur Lenzens Exzess. Wenn schon, denn schon, auch hier scheint das das Motto von Dominik Graf zu sein.

Was kann da noch kommen? Mehr Sex? Zwar blickt die Kamera gnädig weg, wenn Zuhälter und seine Prostituierte Sex haben, um dann aber umso voyeuristischer nach vollzogenem Akt auf den hübschen kleinen nackten Brüsten von Katja Nesitowa (als ukrainische Prostituierte „Swetlana“)  mehr als eine halbe Minute zu verweilen. By the way – Swetlana hat natürlich nur ihren Zuhälter abgelenkt, damit ihre Kollegin heimlich eingenommenes Geld in einer Schale mit Eiswürfeln im Kühlschrank ungestört verstecken kann. Neben der Schale liegt – richtig – eine Flasche Wodka, die sich dann der Zuhälter greift und natürlich – Spannung! – knapp nicht merkt, dass daneben die Kohle liegt. Seufzend folgt man dem Geschehen …

Wer drunter neben dem geneigten Zuseher am meisten leidet, sind die Schauspieler: Sven Lottner als Marek Gorskys Partner Ronald Zehrfeld geht bislang vollkommen unter und ist ein reiner Stichwortgeber oder Platzhalter. Gorskys und Zehrfelds neuer Polizeichef raucht im Präsidium und drückt seine Kippen am Türrnahmen aus. Na klar. Georgii Povolotskyi als Bösewicht Sokolov wirkt brutal, aber austauschbar, Jevgenij Sitochin als Viktor erinnert zwar optisch an Putin (was natürlich lustig ist), aber sonst auch noch an nichts. Bernd Stegemann als Spediteur Lenz hat, obwohl ein hervorragender Schauspieler ist, bislang wenig Raum, seine Figur aus dem dekadenten Fettsack heraus zu entwickeln. Allein Max Riemelt als Marek Gorsky spielt melancholisch-sovuerän und Marie Bäumer als seine Schwester Stella hat natürlich dank großer Kuh-Augen, toller Outfits, schöner reichlich gezeigter Unterwäsche und im Vergleich zu „Swetlana“ deutlich größerem Körbchen-Buchstaben denkbar leichtes Spiel, sich zu inszenieren. Sie ist bis dato die einzige Gewinnerin.

Mal abwarten also, wie es weitergeht. „KDD“ ist qualitativ noch weit vorne, bislang.

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