Sind wir mit Musik übersättigt?

Die Frage ist spannend und stellt sich nicht nur mir des öfteren: Was bewirken MP3-Player-Flut, Dauerberieselung durch Radio (die TV-Sender sind ja weggefallen mittlerweile) und die zunehmende Kommerzialisierung beziehungsweise Instrumentalisierung der Musik (durch Markenartikler etc.)? Werden wir musikmüde?

Edo Reents, einst bei „SZ“, später bei der „FAZ“ für Popmusik verantwortlich und mittlerweile in der Literaturedaktion letzterer beheimatet, hat am Wochenende in der „F.A.S.“ einen spannenden Leitkommentar veröffentlicht (Link siehe unten), Unter dem Titel „Besinnungslos musikalisch“ wird Reents deutlich: „Die Übersättigung mit Musik verursacht irgendwann, wenn die Nerven überreizt sind, Abstumpfung, Geringschätzung oder Widerwillen, gar Ekel. Am Ende bleibt nur ein Gefühl der Leere – Reaktionen, die ursprünglich der Popmusik von denen entgegengebracht wurden, die sie nicht mochten und lieber Klassik, Jazz oder Volksmusik hörten“. Oder, an anderer Stelle: „Musik ist gewöhnlich geworden“.

Was ist davon zu halten? Nun, ich selbst kenne diese Übersättigung an Musik nur in Zusammenhang mit schlechter Musik, wenn ich beispielsweise nach dem Durchhören von zehn Promo-CDs das Gefühl habe, dringend meine Nerven zu beruhigen und meine Ohren desinifizieren zu müssen. Oder wenn im Radio nur Müll läuft, und zwar auf 20 Stationen. Aber sonst? Ich vertrete eher den Standpunkt, dass Musik heute nicht mehr in dem Maße wie früher identitätsstiftend ist, sondern allgemein in der Wertschätzung der Leute an Boden verloren hat. Es ist einfach nicht mehr wichtig, wie die neue Platte von Grönemeyer oder Tocotronic klingt für die Leute da draußen. Für die Elfenbeinturmler meiner Zunft ja, aber da draußen? Was bedeutet es, wenn Universal mit Riesenstolz verkündet, dass Rosenstolz eine Million Alben verkauft hat? Nicht mehr als dass rund 79 Millionen andere Deutsche KEIN Album von Rosenstolz haben und dass unter 100 Leuten auf der Straße knapp zwei die CD haben. Doch dazu später noch mehr, ist hier nur sehr verkürzt dargestellt. Insofern: Einverstanden, Herr Reents.

Womit ich dagegen nicht klarkomme, ist die Argumentation, dass zum einen Hardware wie das iPhone durch seine pure Existenz als Abspielmöglichkeit für Musik der Entwertung der Musik Vorschub leistet. Dies ist meinen Augen so logisch als wenn ein Veröffentlichungsverbot für alle Nicht-Vinyl-Tonträger eine Ära der kritischen und genußvollen Auseinandersetzung mit Musik einläuten würde. Die Hardware wird von Menschen bedient, meine ich. Von Dummen, Schlauen, Genießern und Schweinen. Diese und wie sie die Hardware verändern, ist entscheidend – aber nicht die pure Existenz einer Abspielmöglichkeit wie dem iPhone.

Des weiteren macht der Kommentator Downloadstores als Initatoren einer Empfehlungsdiktatur aus: Die alte Musikindsutrie habe noch Distanz und Distinktion ermöglicht (in meinen Augen gibt es keine zehn Chefs von Plattenfirmen in Deutschland, die letzteres Fremdwort kennen und ersteres praktizieren). Die neue führe dagegen zur Gängelung, da jeder „Knopfdruck am Computer oder iPhone (da isses wieder, das böse iPhone! Anm. ms) Empfehlungen nach sich zieht, die an die Stelle der Musikkritik und des Gesprächs im Plattenladen treten“. Sorry, Herr Reents, aber das klingt mir zu sehr nach der Leier des früher-war-alles-besser. Böses Internet und so, macht die Leute dumm und einsam. Im Fazit aber ein klasse Kommentar, der zur richtigen Zeit kommt! m.

Zum Leitkommentar in der F.A.S. vom 24.01.10: „Besinnungslos musikalisch“

Playlist von heute:

Var. Artists – Final Song #1 (VÖ: 06.02.2009). Wer wissen will. welche Musik DJ Hell, Laurent Garnier oder David Holmes mal hören wollen, wenn sie unter der Erde und vor dem Sarg hoffentlich ein paar Leute stehen werden, braucht diese CD. Allen anderen verrate ich hiermit: So spannend ist das nicht, was die hören wollen. Nette morbide Idee, aber kein Must-Have.

Nat King Cole – Re: Generations (VÖ: 06.03.2009) Zu Ehren des Meisters nahmen sich tolle Leute wie Cee-Loo (Gnarls Barkley), Will.I.Am (Black Eyed Peas) und TV On The Radio seinen Songs an und remixten, bearbeiteten und interpretierten, was das Zeug hält. Sehr geile Idee, sehr hörenswert!

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